Basiszerrüttet

[Schreibkurs-Übung]

„Das auch noch!“ Ich starre mit leerem Blick auf seine Frühstücksflocken. Leer wie der Milchkarton, dessen Inhalt sich malerisch über den Designer-Kunstholzfußboden unserer Designer- offenen Wohnküche ergießt.
„Kannst du nicht besser aufpassen?“, kommt es auch schon aus seiner Ecke. Da sitzt er wie jeden Morgen, hinter der aktuellsten Ausgabe der „Des Innenarchitekts neuester Shit“ (Oder wie auch immer seine aktuellste Lieblingsablenkung vom realen Leben gerade heißt. Vielleicht ist es auch der Playboy, mir egal.). Der feine Herr Dipl.-Ing. Ralf Bormann-Bramstedde. Ja, richtig gehört: Bormann-Bramstedde. Der weltbescheuertste Doppelname, den mein Mann mit professioneller Würde und der nötigen Portion passiv-aggressivem Aufopferungsgehabe in meine Richtung trägt.
Ich bereite mir ein Butterbrot, war eh noch nie der Müsli-Typ. Was er mir wohl heute wieder auf selbiges schmieren würde?
Aber aus seiner Richtung kommt nur so: „Also, hier steht: ‚Die meisten konstruktionsbedingten Unfälle sind bereits in der Entwicklungsphase angelegt. Eine finnische Studie hat ergeben, dass 83,79 Prozent aller Design-Fehler in der ersten Entwurfsphase entstehen. Oft sogar noch vor dem ersten Scribbel.‘ Ist das nicht spannend? Da sieht man’s mal wieder, wie wichtig eine solide Basis gleich zu Beginn ist … Apropos, was macht eigentlich mein Müsli heute Morgen?“
Ich hab’s ja kapiert, allzeit bereit zu funktionieren. „Kommt gleich, Schatz. Sorry, wollte dich nicht warten zu lassen.“ Leere Worte, während aus dem ebensolchen Milchkarton die letzten Tropfen in den weißen See am Fußboden platschen.
Doch er ist wie immer schon wieder ganz woanders: „Was sagt man dazu? ’Zweitgrößter Scheiterungsgrund: Ressourcen-Fehlplanung und mangelnde Kommunikation über die potentiellen Schwachstellen.’ Was ist jetzt mit Müsli, ich muss gleich los!“
Hatte er eben Scheidungsgrund gesagt? Urks, lieber schnell ablenken, bevor ich noch aus Versehen laut denke.
„Bin gleich wieder da, nur kurz im Keller, neue Milch holen!“
„Bring mal die Unterlagen aus dem Faxgerät mit! Die Wegeners wollten mir ihre Scribbles schicken, vor der Party heute Abend.“
Im Vorratsregal herrscht gähnende Leere zum Thema Milch-Nachschub. Ganz klarer Fehler in der Ressourcen-Planung, zweitgrößter Scheidungs… nein! Scheiterungsgrund! Verdammte Axt, wo kommen nur die ganzen Freud’schen Verdenker her? Wahrscheinlich alles schon in der Basis … äh … im Basement angelegt und so.
Auf dem Weg nach oben werfe ich wie mir geheißen einen Blick aufs Faxgerät. „Ist noch nix von Wegeners angekommen, Schatz!“, rufe ich nach oben.
Da steht nur was von „Dr. Rumpel und Ratke, Fachanwälte für Scheidungsrecht. Betreff: Ihre angeforderten Unterlagen“.
Die sind ja schnell unterwegs!

Kennt ihr das, wenn einem der eigene Morgen keine zwölf Stunden später bereits wie aus einer anderen Zeit vorkommt?
Da stehen wir also mal wieder bei irgendwelchen Wegeners rum.
„Was ist eigentlich mit Sommerurlaub?“, versuche ich es erstmal mit einem allgemein unverbindlichen Gespräch.
„Warum? Was soll damit sein?“ Wie ich seine Gegenfragerei hasse! Dann halt nicht gesellschaftstauglich: „Garnichts soll, Ralf. Ich bin es so leid, dass immer alles sollen soll!“
„Was heißt das denn jetzt?“
„Ich weiß es doch auch nicht!“
„Du musst dich schon erklären …“
„Garnichts muss ich, Ralf. Das ist doch genau das Problem!“
„Welches Problem?“
„Dass ich immer nur müssen muss, sollen soll …
Sag‘ du’s mir! Sag du mir, was das Problem ist!“
„Aber …“
„Aber was? Glaubst du etwa, so habe ich mir mein Leben vorgestellt? Als Aneinanderreihung schlechter Häppchen-Parties mit einem nie versiegenden Strom von Sektempfängen?
Von dem wir, ehrlich gesagt, alle längst schon unseren Lebensvorrat aufgebraucht haben?“
„Ehrlich gesagt? Willst Du etwa damit andeuten, ich hätte ein Alkohol-Problem?“
„Andeuten? Ja. Wenn du es schon so genau nehmen willst, Ralf, ja. Aber darum geht es doch gerade gar nicht!“
Ich stelle mein Designer-Weinglas auf die zweckbefreite Topfpflanzen-Ablage dieses patentierten Dachterrassen-Designs.
„Worum geht es dann?“ Er stellt seines daneben.
„Darum zum Beispiel.“ Ich zeige zu den beiden Gläsern.
„Um dieses Fake-Nebeneinander. Darum, dass wir als Paar nur noch funktionieren, wenn wir irgendwo repräsentativ herumstehen können.“
„Aber …“
„Aber was, Ralf?“
„Aber du …?“
„Ja, aber ich. Ich hab‘ auch noch ein Leben, weißt du?“ Zumindest glaubte ich mal, das gehabt zu haben. Ich lasse meinen Blick nach oben schweifen: Großstadthimmel an lauem Sommerabend. Man könnte es fast romantisch nennen.
„Nein, das wusste ich nicht.“
„Siehst du!“
„Sehe ich was?“
„Die Sternschnuppe da vorne, Ralf!“
„Wo?“
„Kleiner Scherz.“ Irgendwo vor zwanzig Jahren oder so.
Mein Blick wird glasig. Ob vom Wein oder von den Tränen, kann ich schon lange nicht mehr auseinanderhalten.
„Was willst du damit sagen?“ Hören diese Fragen denn nie auf?
„Vielleicht, dass ich nicht mal mehr weiß, was ich eigentlich will?“ Er greift nach meiner Hand. Soll er mal weiter versuchen!
„Und ich bin jetzt plötzlich daran schuld oder was?“
„Nicht plötzlich, Ralf. Aber vielleicht …“
„Vielleicht was?“ Ja, vielleicht was?
„Vielleicht ist es besser, wenn wir uns trennen, Ralf.“
„Du kannst doch nicht einfach unser gemeinsames Leben wegwerfen!“ Wenn der wüsste, was ich kann!
„Du kannst ja mal zu Hause ins Faxgerät gucken. Dann wirst du schon sehen, was ich kann.“
„Aber …“
„Aber was, Ralf?“
„Aber ich weiß doch gar nicht, wo das steht!“
„Eben.“
Im Gehen streife ich mit einer Handbewegung die beiden Gläser, gekonnt unauffällig, und gerade genug, dass sie leise klirrend zu Boden fallen und zerspringen.

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