Den Feind kennen

[Schreibkurs-Übung]

Dieser verdammte pissgelbe Wollfusselpulli. Ich wusste doch, es würde nochmal zu warm dafür werden. Warum konnte ich nicht einmal auf meine Intuition hören? Außerdem konnte ja keiner ahnen, dass Timo schon wieder aus seinem wohl verdienten Sommerurlaub zurück war. Was der so unter „wohl verdient“ verstanden hatte halt. Der alte Schnösel. Verwöhntes Mutter-söhnchen. Ruht sich jetzt schon schön auf seinem Erbe als Juniorchef des spießigen Weinguts aus …
Das hatte ich mir damals als 17-Jährige in punkto Traumjob in meiner kaufmännischen Einbahnstraßen-Karriere noch ganz anders ausgemalt. Jetzt bin ich fast 30 und immer noch für alle Welt das naive Küken. Im gelben Angorapulli – na das passt ja!
Vermutlich habe ich es mir sogar noch redlich verdient, den letztes Weihnachten von der Chefsfamilie bekommen zu haben. „Damit Sie auch mal was Hübsches zum Anziehen haben“, hatten sie feinfühligerweise gesagt.
Als ob ich mir keine Mühe geben würde! Aber für mehr als die H&M Businesspüppchen-Abteilung reicht mein Sekretärinnen-lohn nun mal nicht. Da kann der Arbeitsplatz noch so schnieke sein, an den Mitarbeitern wird doch immer als erstes gespart.
Nicht so dagegen an den Repräsentationskosten. Gewissenhafte Buchhalterin, die ich nun mal bin, habe ich bereits jetzt im Hinterkopf, wie ich die Kosten für den Catering-Service später unter Abrechungsfaktor II verbuchen werde. Aber bis dahin – bis ich dieses olle Weinfest in drei Wochen einigermaßen repräsentabel auf die Beine gestellt habe – muss hier noch einiges passieren. Ein geeigneter Häppchen-Lieferant gefunden werden, zum Beispiel. Man könnte meinen, das sollte nicht so schwer sein. Ist ja bei all diesen reiche-Schnösel-Verköstigungs-Anbietern das gleiche im Angebot. Der Senior sagt außerdem eh zu allem Ja und Amen, und seine Frau (die die eigentlichen Hosen in diesem Laden anhat, wenn ihr mich fragt) ist aktuell zu sehr mit ihrer persönlichen Wechseljahrsproblematik beschäftigt, um sich wirklich für das Business zu interessieren.
Immerhin tut der Junior manchmal noch so als wäre er geschäftstüchtig. Zumindest lungert er bereits seit einer geschlagenen halben Stunde pseudo-wichtig im Vorraum des Dekantierzimmers herum. Als hätte er nichts Besseres zu tun, als auffällig unauffällig den gespielt zufälligen Blick in Richtung meines besagten Wollpullis zu lenken. Hat er wahrscheinlich auch nicht. Besseres zu tun, meine ich. Und den viel zu übertriebenen V-Ausschnitt des überbewerteten Geschenks hatte er wahrscheinlich persönlich aus dem Versandkatalog für neureiches Klamottenshopping ausgesucht.
„Was machst du eigentlich am Freitag Abend, Sophie?“, kommt es plötzlich aus der Sitzecke. Gerade als ich dachte, er müsste doch mal so langsam dieses Internet auf seinem blinkenden Angeberhandy leergesurft haben.
„Sie wissen doch, Herr Tiedemann, das anstehende Weinfest verlangt nach mir. Wahrscheinlich werde ich in die Stadt fahren, mir diesen Catering-Service mal vor Ort ansehen.“
Fällt mir ja gar nicht ein, den feinen Kerl auch noch zu duzen! Er hat es mal versucht, das mit dem Du. Das ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her, wenn ich so darüber nachdenke. Auch am Weinfest. An welchem er wohl bemerkt zwei Stunden später, wie immer gut angeduselt nach der ersten zurückhaltenden Anstandsstunde, mit der Weinkönigin persönlich abgehauen ist. Was macht die eigentlich morgen Abend?
„Aber warum fragen Sie?“, täusche ich stattdessen Interesse vor.
„Och, nur so. Und bitte nenn mich nicht Herr Tiedemann. Das klingt ja, als stände ich bereits mit einem Bein im Grab, wie mein Vater.“ Dieser herablassend-spöttische Unterton in seiner Stimme macht immer wieder was mit mir, das ich da nicht in meinem Hormonspiegel haben will. Hätte er doch lieber einfach weiter in sein hirnverblödendes Handy gestarrt.
Stattdessen guckt er mir jetzt ganz offen in den gelben Ausschnitt. Als würde ihm das aufgezwungene Gespräch irgendwie die Erlaubnis dazu geben. „Ich hatte mich nur gefragt, ob du nicht mal mit mir ausgehen würdest. Mal die Arbeit beiseite lassen und etwas Spaß haben!“
Spaß, wenn der wüsste! Mein Spaß sieht echt anders aus, als mich nach Feierabend noch mit dem Junior im Ort sehen zu lassen. Am Ende kommt jemand noch auf die Idee und unterstellt mir irgendwas. Das Dinge unterstellt zu kriegen, überlasse ich doch lieber der Madame Weinkönigin.
„Werden Sie nicht mit Liane beim Fassanstich erwartet?“, bringe ich selbige gekonnt ins Spiel. Ich mag Liane eigentlich, die hat so einen Kerl gar nicht wirklich verdient. Nur will ich ihn ganz bestimmt auch nicht haben. Will ich wirklich nicht! Auch wenn er mir diese verwirrenden, vermutlich pheromongesteuerten und eindeutig zweideutigen Signale sendet.
„Vergiss mal Liane, ich warte morgen um halb acht hinten an der Straße beim Lieferanteneingang auf dich. Bis dann!“
„Was …?“, verstumme ich. Weg ist er.
„Was ich Ihnen empfehlen würde, ist der Peppercorn Catering-Service hier“, sage ich zur Chefin. Die hat die offene Menüliste auf meinem Computermonitor bereits zutiefst skeptisch überflogen. „Die haben immer freitags abends ein offenes Test-Essen, da werde ich mal hingehen.“

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