Diesen Freitag kein Fisch

[Schreibkurs-Übung]

Sie fragen mich, warum Opa das gemacht hat: Den alten Koffer voll frischem Fisch. Flosse an Flosse, wie Schuppen aufgereiht, dreilagig gestapelt, bis an die verschlissene Lederkante. Daneben das verblichene Foto von 1923 und ein säuberlich gefaltetes weißes Hemd. Als würde Opa gleich verreisen.
Sie fragen mich, ob er mittlerweile sogar vergessen hat, dass er schon 96 Jahre alt ist. Ob ich denn nicht wüsste, dass es für ihn nur noch eine Reise geben würde – diese letzte, die mit ohne Rückfahrschein. So schön nennen sie es hier auf Station. Im Altenheim „Wonnesonne“ wissen die sowas. Auch dass die Bewohner von hier drinnen nie mehr weiter kommen als bis zum Ende des kleinen Parks mit der Steinmauer.
Was bisher allerdings keiner wusste: Opa kennt seinen Markt dahinter ganz genau, vor allem den Fischstand, wo auch der Koch vom Altenheim einzukaufen pflegt. Fangfrisch aus Freddies Kate, montags und donnerstags, jeweils 6 Uhr 30 bis 13 Uhr, außer an Feiertagen. Den achtlos weggeworfenen Flyer hat Opa sorgfältig geglättet und hinter den Badezimmerspiegel geklemmt. Zur Erinnerung, wie diese Memos, von denen ich im Motivationsseminar gelernt habe. Das sollten lustige Sprüchen sein wie „Du bist es wert.“ oder „Sieh Dich an und lächle!“. Die erbaulichen Postkarten dazu liegen auch wohl-ignoriert unter meinem Bett. In dem alten Schuhkarton, der mal Erinnerungen an ein Früher für mein zukünftiges Ich bereithalten sollte.
Doch jetzt muss ich mich um Opa kümmern. Schließlich ist Opas Früher heute seine einzig verbliebene Wirklichkeit. Das Dazwischen hat das Alter für unwichtig befunden und aus dem Gedächtnis gelöscht. Deswegen weiß er auch nicht, dass er als reisender Fischhändler heute nicht mehr weit kommen würde. Sein Heute wird morgen schon wieder vergessen sein. Doch er hat sich an den Jungen von 1923 erinnert! Der damals schon heimlich den Fisch für seine hungrige Familie hortete. Er hat mir früher oft von dem Jungen erzählt. Als ich selbst gerade 13 Jahre alt und in unserer gemeinsamen Vorstellung die perfekte Spielgefährtin für den jungen Opa Horst war. Natürlich hieß Horst damals noch nicht Opa. Wir waren uns außerdem einig, dass ich ihn mit 13 sowieso doof gefunden hätte. Wie das weibliche Vorpubertierende gegenüber leise nach Fisch müffelnden männlichen Artgenossen wohl in allen Jahrhunderten tun. Opas Teenager-Dasein hatte ansonsten mit dem meinen nichts gemeinsam. Ich kann mir nicht annähernd vorstellen, als jüngster Fischschupper des Hamburger Hafens den Unterhalt für eine depressive Mutter und drei kleine Brüder daheim zu verdienen. Gerade mal mit Depression und Müttern kenne ich mich aus. Bei Brüdern und Hunger hört es schon auf.
Immerhin habe ich Opa zum Einzug hier diese Topfpflanze vom Fischmarkt mitgebracht. Ich weiß doch nicht, was ich für ihn tun kann, wenn seine Gedächtnislosigkeit mich wieder hilflos macht. Was ist dann noch was wert? „Sieh Dich an und lächle!“, sage ich mir halbherzig, als ich aus der Badezimmerzelle in Opas karges Altenheimzimmer trete. Nur der Ficus und der fischbefüllte Koffer lassen vermuten, dass hier noch jemand lebt.
„Komm, Opa, lass uns Mittag essen. Heute ist doch Freitag, dein Lieblingstag.“
„Ja, aber ich bin mir sicher, heute haben die keinen Fisch zum Kochen gefunden“, kichert der Fischmarkt-Bursche aus seinen alten Knochen.

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