Franka

[Schreibkurs-Übung]

In ihren Träumen hat Franka kein Gesicht.

Also, nicht irgendwie eklig, sie kann sich einfach nicht an die Gesichter aus ihren Träumen erinnern; nicht mal an ihr eigenes. Aber auch nicht an blutige Glitschmasken mit aufgeplatzten Schädeldecken, an lose von löcherigen Hirnen herunter-baumelnde Augäpfel oder hohlen Leere anstelle der üblichen Sinnesorgane. Dieser ganze Unfug, den Franka neuerdings auch noch im Kopf hat, seit ihr netflix den ungefragt auf dem visuellen Silbertablett serviert. Das muss wohl Hannas Schuld sein, weil die jetzt Frankas Account mitbenutzt. Nur eine der Maßnahmen zur Effizienzmaximierung der WG-internen Entertainment-Ressourcen.

Nur in ihren Träumen hat Franka halt kein Gesicht.

Sich ausnahmsweise mal nicht permanent mit rudimentärer Schadensbegrenzung angesichts der eigenen, verhassten Hackfresse beschäftigen zu müssen, findet Franka ehrlich gesagt denkbar praktisch. Zwar würde im Traum vermutlich die fancy face recognition des Angeber-iPhones nicht funktionieren, das ihr ihr scheißreicher Freund zum letzten Geburtstag geschenkt hat (dem verflixten 30ten immerhin!). Hat sie aber noch nie ausprobiert. Hat sie auch echt Besseres zu tun im Schlaf. Aber wenigstens ein Problem weniger, wenn sie sich nicht um hektische, rote Benachrichtigungsböppel oder um aufdringliche Kurzmitteilungen kümmern müsste.

Das Problem mit Gesichtern sind ja in erster Linie eh immer erst die Leute, die wohl oder übel dahinterstecken. Menschen nutzen physiognomische Merkmale nun mal, um die sprichwörtlichen Nasen, mit denen sie sich mehr oder weniger freiwillig die Anwesenheit auf dieser lustigen Welt teilen, auch nach ersten steifen Kennenlernversuchen bei der nächst-unpassenden Gelegenheit wiederzuerkennen. Daher wahrscheinlich auch der Begriff „Gesichtserkennung“.
Speziell ausgebildete, oder besser gesagt selbst ernannte Psycho- bis Philosophie-Menschen bilden sich sogar ein, über die Gesichtszüge bis in die Seelen ihrer Erdmitbewohner glotzen zu können. Das meint Franka irgendwo gelesen zu haben, ist sich aber nichtmal sicher genug, wie sie über die ganze Seelen-Idee generell denkt, und außerdem würde das hier auch zu weit führen.

In ihren Träumen hat Franka nämlich kein Gesicht.

Auch kein großer Verlust, denkt sie. In Frankas Träumen hat ja außerdem auch sonst keiner ein Gesicht. Das fällt also gar nicht weiter auf. Bis zu dem Tag, an dem sie aufwacht, und aus Versehen in den Spiegel schaut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.