Gefühle ohne Adjektive

[Schreibkurs-Übung]

1
Wenn ich die Augen zumache, sehe ich Affen. Das waren noch Zeiten! Als Kind ging das noch, da hat man sich noch nichts dabei gedacht. Da hat man noch den Nachmittag im Zoo verbracht und sich einmal komplett einsaugen lassen von den Eindrücken rundherum. Das hatte noch was. Danach konnte ich immer gut schlafen. Das kann ich heute nur noch im Ausnahmefall.

Wenn ich die Augen aufmache, sehe ich Dunkelheit. Ich hab es schon wieder getan. Schon wieder den ganzen Tag im Schrank verbracht. Dabei hat der Doktor doch gesagt, das könnte ich so nicht mehr bringen. „Mit Agoraphobie ist nicht zu spaßen.“, hat er gesagt „Da müssen wir schon dran arbeiten.“
„Aber …“, hab ich gesagt, „Aber ich arbeite doch sonst schon immer so viel. Ich brauche auch mal eine Pause!“
Das hat er dann nicht verstanden. Auch nicht, als ich ihm von den Affen erzählt habe. Dass ich mich nur in Sicherheit fühle, wenn ich irgendwo eingesperrt bin. Mir doch egal, wenn das Bild mit dem Zoo hinkt, weil die Affen wenigstens rausgucken können. Diese Ärzte heutzutage haben auch kein Gespür für Metaphorik mehr!

Wenn ich die Augen geschlossen halte, hier in meinem Schrank, kann wenigstens keiner zu mir reingucken.

2
„Bist du schon wieder im Schrank?“, hatte sie gefragt. Ich weiß noch genau, wie sich das anfühlte. Das Kabel des Telefons schlängelte sich durch die Ritze zwischen den Schranktüren (Das war zu der Zeit als die Telefone noch Kabel hatten. Weißt Du noch?) – durch diesen Spalt, wo schon immer was kaputt war und nicht mehr richtig schloss.
Sie hatte angerufen. Ich hätte das nie getan. Sie hat immer angerufen. Sie hat dann die Fragen gestellt, die ich nicht hören wollte. Wie „Bist du schon wieder im Schrank?“ zum Beispiel.
Natürlich war ich dort. Wo hätte ich denn sonst sein sollen. Ich war immer dort, wenn es mir so ging. So wie jetzt eben.
Das kann ich nur niemandem erzählen. Nun wirklich nicht mehr. Sie ist fort. Ich bin schon wieder im Schrank.
Die Schranktürritze ist zu. Irgendjemand muss sie repariert haben, als ich nicht aufgepasst habe. Und das Handy liegt irgendwo schnurlos da draußen. Jetzt ruft eh keiner mehr an. Kein Mucks von der Welt.
Manchmal wünsche ich mir, sie würde noch mal anrufen. Nur noch einmal ihre Frage hören: „Bist du schon wieder im Schrank?“
„Ja, dir kann ich’s ja sagen. Ich bin immer noch da.“

3
„Ich weiß es doch auch nicht!“ Mit einem Knall fällt die Tür hinter mir zu. Sie führt zu gar nichts, außer Dunkelheit. Nicht mal das krieg ich gescheit hin. Nix im Griff, nicht mal mich selbst. Erst recht nicht mich selbst! Und selbst wenn schon … was würde das schon bringen? Das im-Griff-Haben meine ich. Hab doch eh nur schon wieder versagt. Immer ich! (Na klar, ist ja auch sonst keiner da!)
Immer wenn die Kacke so richtig am Dampfen ist, muss mir das passieren. Dass ich mich nicht im Griff habe, nennen sie das.
Ich darf in so Momenten nicht impulsiv reagieren, haben sie gesagt. Wer sind eigentlich die? „Ich weiß es doch auch nicht!“
Nix weiß ich, schon wieder versagt, was ein Häufchen Elend. Kuck mich doch an, wie ich da hocke. Wenn’s nicht schon dunkel wäre, würde ich vermutlich Sternchen sehen. Irgendwie muss das Brodelnde ja raus aus diesem Körper. Aber so ist der Schrank doch noch zu was gut. Wenigstens keine Sternchen.
Und keine E-Mails, keine Telefonanrufe, keine Textnachrichten, wenn ich so drauf bin. Haben „die“ gesagt.
Was wissen die schon? Was weiß ich schon?
„Ach, ich weiß es doch auch nicht …“
Ich trete noch einmal gegen die Schranktür, kraftlos. Es ist vorbei. Nicht mal mehr Schwung genug, um die Tür ordentlich gegen die Wand donnern zu lassen. Ich krieg sie gerade noch rechtzeitig zu fassen. Reaktionsfähigkeit zurück – check.
Ich halte mich am Türrahmen fest, spüre etwas Metallisches.
Da hab ich ihn wieder, den Griff.

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