Ich bin da.

Vor ein paar Wochen beim Abschlussritual des gerade zu Ende gegangenen Gruppenmentorings & Sobriety Yoga-Kurses (Werbung ohne Auftrag 😉 haben wir uns mutig von alten Glaubenssätzen und Gedanken über uns selbst verabschiedet und dann ging es erst richtig los: „Und jetzt hebst du deine Arme über den Kopf, greifst nach hinten und ziehst dir dein neues Wort ins Leben. Wähle wirklich nur eines und dann sage es laut.“

Bitte what?!?

Aber ach gut, ich bin ja hier gerade eigentlich eh nur für die Technik zuständig, dann muss ich wohl nicht mitmachen … (Alleine das Wort „müssen“ in diesem Zusammenhang hätte mir verdächtig vorkommen müssen, aber gut. That’s where my brain was at.)

Vor diesem Loch, was entsteht, wenn ich alte Dysfunktionalitäten absichtsvoll hinter mir lasse, habe ich schließlich schon Angst seit ich nüchtern denken kann. Damals habe ich mich an der Hoffnung festgehalten, dass jemand mir sagte, das wäre völlig normal, es bräuchte einfach seine Zeit, bevor das Leben wieder an den Ort zurückfließt, wo vorher der Alkohol sein korrosives Selbstzerstörungsbauprojekt am Laufen hielt. Aber die dort auf der anderen Seite sehen so viel glücklicher aus! Wie sie da in ihren kleinen Zoomkacheln auf meinem Bildschirm vor mir kraftvoll ihre Wörter hinter sich vor ziehen … Ich will auch!

Dazu muss ich vielleicht noch sagen, dass sich der ganze interne Widerstandsdialog natürlich nur in meinem Kopf und innerhalb von Sekunden abgespielt hat. Sowas wie Eifersucht auf das beobachtend-gefühlt glorreiche Leben anderer kenne ich allerdings nur zu gut als Antriebskraft für meine eigene, bockige „ach, dann probier ich das halt mal!“-Scheißdraufigkeit.

Also gut, Universum, was hast du mir anzubieten? Kurzer Schulterblick, ob auch ja keiner zusieht, Arme über den Kopf, ach da ist das verdammte T-Shirt-Schildchen, das mich schon die ganze Zeit juckt, ach ne, ich bin ja jetzt auf einer größeren Mission … na?

ICH BIN DA.

Bitte was? Sag noch mal!

DU BIST DA.

Ach so, ICH bin gemeint! Den universellen Trick kenne ich bereits, über meinen Fersen steht nicht ohne Grund „Du bist gut genug.“ eintätowiert, weil ich schon weiß, dass ich mir von Innen noch zu häufig selbst nicht glauben kann, also muss die Ansage getrickst von außen kommen.

Also, ich bin da. Sagt sich so leicht, aber doch irgendwie nicht so einfach. Denn WER bin ich, und wenn ja, WOHIN?

Und was wäre, wenn wirklich nur „ich“ und hier & jetzt zu sein, wirklich zur Abwechslung mal (gut) genug wäre?

Im Podcast (Link einfügen!) hatte ich schonmal erzählt, dass eine Freundin mir, nachdem sie von meiner Nüchternheit bzw. eher der alkoholischen Verstecktaktik der 10 Jahre, die wir uns davor schon kannten, erfuhr, sowas meinte wie: „Ich wusste nicht wirklich, dass oder was mit dir los war. Aber jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, ich könnte dich wirklich sehen.“

Na klar, denn ICH BIN DA. Hier & jetzt in diesem meinem nüchternen Leben … und zwar wegen meines nüchternen Lebens!

„Seit du nicht mehr trinkst“, sagt mein Mann später am Frühstückstisch, „schaust du mir auch in die Augen.“

Es sei denn, ich bin abgelenkt von dem Eichhörnchen vor dem Küchenfenster oder irgendetwas Blickendem auf irgendwessen Handy-Display. Dann kann ich aber wenigstens mittlerweile vorwurfsfrei auf mein ADHS verweisen und nicht wieder wir gewohnt noch tiefer in der Scham versinken, die ich mir damals nicht mal selbst hätte eingestehen können.

Denn sonst hätte ich mir ja auch eingestehen müssen, dass ich „ein Problem habe“. Ein Problem mit dem Alkohol und wer weiß, was dann passiert wäre … es wäre mit Sicherheit nicht bei dem einen Problem geblieben. Meine Angst wusste das bereits. Deshalb hat sie mich wohl auf irgendeine verquer-fürsorgliche Art schützen wollen; zu einer Zeit, in der ich mich längst schon nicht mehr vor mir selbst hatte schützen können.

Und von außen hätte das auch keiner tun können, selbst wenn er/sie/es (das Universum?) mich persönlich per Du und intergalaktischem Einschreiben kontaktiert hätte. Wie auch? Ich war ja nicht da. Körperlich anwesend, aber geistig in den eigenen Gedankenschleifen verfangen, getrieben von den alles überlagernden Suchtroutinen, emotional unerreichbar, seelisch verdurstet mitten im Meer aus der toxischen Flüssigkeit, die ich täglich in mich hineinfüllte.

Ich glaube, zu Beginn meines Trinkens, wollte ich tatsächlich noch eine Art Loch füllen. Versuchte, das Leck zu stopfen, das die ungewohnte Freiheit des (zumindest offiziell) „erwachsen“ Seins geschlagen hatte, und durch das mir meine nie so wirklich ernsthaft geträumten Wünsche an mein Leben zu entrinnen drohten. 

Heute weiß ich, dass ich das Loch erstmal eine Weile dort stehen und restlos seinen toxischen Urschlamm austrocknen lassen musste. Vielleicht gibt es an manchen Tagen auch noch moderige Reste im Untergrund, aber ich weiß zumindest, dass dort unten kein suchtgetriebenes Nessie mehr sitzt, das mich zu sich ins Verderben reinziehen möchte. Ich kann stattdessen das klare Wasser bis zum Grund sehen, was gut ist, dann kann ich rechtzeitig reagieren, falls sich am Abgrund nochmal was bewegen sollte. 

Manchmal halte ich es sogar aus, mein eigenes Gesicht in der Spiegelung der Wasseroberfläche anzusehen. Vielleicht sollte ich mal anfangen, ein paar Seerosen zu pflanzen. 

Denn ICH BIN DA. (wenn ich nicht in meinen eigenen Metaphern versunken bin)