Im Glashaus

[aus den Archiven, ursprünglich veröffentlicht im Herbst 2006]

Sie sah sich im Raum um.
Von ihrem Platz am Bühnenrand aus hatte sie den perfekten Überblick: ihr gegenüber lehnte der Bass an der Wand und auch das Schlagzeug war schon aufgebaut. Seine Metallverstrebungen reflektierten die wenigen Lichter, die den Club in schummeriges Licht tauchten. Die Band drückte sich an der Bar herum, der Abend war noch zu jung für wildes Nachtleben. Jemand testete im Hintergrund die Lichtanlage. Die Diskokugeln verteilten die ersten lichtpunktenen Tänzer des Abends auf die Tanzfläche.

Sie fühlte sich so leer, während der Raum um sie herum sich langsam füllte.

Auf den Sitzgrupppen am Rand lümmelten bereits einige Frühausgeher, tranken Bier und nutzten die noch gedämpfte Lautstärke der Musikanlage zu seichter Unterhaltung. Später würde man sich wieder nur verständigen können, wenn man sich gegenseitig direkt ins Ohr schrie. Aber ehrlich gesagt war deshalb ja auch keiner hier.
Inga war an diesem Abend schon früh aus der Enge der eigenen vier Wände geflüchtet. Wieder war eine anstrengende Woche geschafft. Doch die war nichts gegen die Schatten der nächsten, die sich bereits jetzt und mindestens zwei Tage zu früh schon wieder in Ingas Gedanken schleichen wollten. Immerhin war jetzt erst einmal Wochenende!

Unbeachtet stand sie da und beobachtete das Geschehen um sie herum aus ihren glasigen Augen.

Wenn Inga nur daran dachte, wie sich zu Hause die Berge von schmutzigem Geschirr stapelten, wo achtlos fallen gelassene Wäschestücke unregelmäßige Hügel auf dem Fußboden bildeten und der weiße Turm aus ungelesener Post auf dem Schreibtisch bedrohlich aus dieser Chaoslandschaft herausragte … zumindest gab es keinen Grund für Angst vor Langeweile.
Inga versuchte, die wohlbekannten Gespenster zu vertreiben, die mit der nächsten Lieferung schlechten Gewissens an die gedankliche Hintertür klopften. Denn im Moment war doch nur noch eines wichtig: Nichts mehr wissen zu müssen, die Rastlosigkeit des Alltags abzuschalten und wieder Leben in den überarbeiteten Knochen zu spüren.

Sie sah der jungen Frau nach, wie diese geduckt in Richtung Bar ging.

Es hatte Inga bereits einiges an Überwindung gekostet, tatsächlich die Initiative zu ergreifen und irgendwoher noch die Motivation aufzubringen, notfalls auch alleine loszuziehen. Und die Gefahr war groß, dass das ganze Unternehmen wieder mal nach hinten losging. Ingas sonst übliches Freitagabendprogramm deckte sich nämlich keineswegs mit dem, wie „man“ den Beginn eines Wochenendes zu feiern pflegte. Nein, Ingas Welt fand nicht in geselliger Öffentlichkeit statt – man könnte sie ja sehen, erkennen oder gar ansprechen! – sondern mehr so nach dem Lebensmotto „Alles zu viel, alles zu anstrengend. Lasst mir doch meine Ruhe!“. Kein Wunder, dass das fast immer im totalen emotionalen Desaster endete. Stille kann ganz schön laut werden, wenn man sie nur im eigenen Kopf hört.

Es reizte sie ja schon, vorzuschlagen, dass man auch einfach mal zurückbrüllen könnte.

Inga schob einen der klobigen Barhocker beiseite, um sich weit genug über die Theke lehnen zu können. Dort befand sich schließlich das Ohr des Kellners, und dorthinein musste sie nur noch ihre Bestellung gerufen kriegen, dann war der Abend erstmal gerettet: Jackie Cola, aber bitte light.
Die Band war zum Umziehen im Backstagebereich verschwunden und der DJ bemühte sich mehr schlecht als recht, die Tanzwut der Leute vorzuheizen. Seine Musikauswahl bescherte ihm dabei nur mäßigen Erfolg, doch was blieb einem anderes übrig als stumm vor sich hin zu wippen, wenn jede Unterhaltung unmöglich geworden war.

Man konnte natürlich auch wie festgefroren auf seinem dämlichen Hocker sitzen bleiben und alles vom nächsten Drink abhängig machen, dachte sie zunehmend genervt.

Die Farbe von Cola erinnerte Inga immer an die Kindergeburtstage ihrer Grundschulzeit; an das hysterische Gekicher einer Handvoll Mädels, die kein Koffein gewohnt und von einer Überdosis Zucker aufgedreht worden waren. Damals machte man sich noch keine Gedanken darum, wie viele Kalorien wohl ein Stück Torte hat oder wer hinterher nur wieder den ganzen Mist aufräumen muss. Man lebte im Hier und Jetzt, es gab ja nichts anderes. Da war sowas gewesen, wie ein Gefühl, gedankenlos glücklich zu sein.

„Und wo genau hast du das unterwegs liegen lassen?“, fragte sie und verfluchte sich gleich darauf selbst. Warum musste sie sich eigentlich immer wieder in das Leben anderer einmischen? Vielleicht, weil sie kein eigenes hatte?

Mit der Zeit hatte Inga genug Trainingseinheiten intus, wenn es darum ging, die Stimmen aus der Vergangenheit geflissentlich zu ignorieren. Lediglich in Momenten wie heute Abend … aber zurück in die Gegenwart! Keep it real, und so weiter.
Für die „Erwachsenen“, zu denen Inga sich für gewöhnlich durchaus zählte, wurde Cola mittlerweile nicht mehr in bunten Pappbechern sondern in dickwandigen Cocktailgläsern serviert, und für eine berauschende Wirkung war weit mehr als Koffein und Zucker nötig.

Sie konnte sich nicht mehr länger zurückhalten: „Aber deine Glücksgefühle gibt’s nicht inklusive, wenn du nur hier rumhockst und Trübsal bläst. Andere Leute sind hier, um Spaß zu haben. Und du? Guck’ dich doch mal um!“

Inga war es ja durchaus gewohnt, auf Befehle zu reagieren und lies sich zudem nur allzu gerne von ihrem penetrant permanenten Gefühlschaos losreißen, das da drinnen eh nur ziellos vor sich hin blubberte wie die Kohlensäurebläschen im Cola-Glas. Und tatsächlich, wenn sie genauer hinsah – da draußen, außerhalb der selbst gebauten Mauern aus Einsamkeit, bewegte sich etwas. Die Menge auf der Tanzfläche bildete eine Gasse und machte Platz für drei Jungs in bunten Klamotten, die in Richtung Bühne stürmten. Unhörbar klackerten die Eiswürfel in Ingas Glas, während die Spitze des Eisberges mit Namen „verquere Welteinstellung“ langsam an den Rändern zu schmelzen begann. Der Gitarrist hatte die Bühne als erster erreicht, benutzte seine Gitarre zum Schwungholen und war mit einem Satz oben. Die beiden anderen Bandmitglieder schienen die Treppenstufen seitlich im Flug zu nehmen und waren sofort spielbereit. Als die ersten energiegeladenen Töne die Trommelfelle zum Vibrieren brachten, ließ Inga los, hopste vom Hocker und mitten hinein.
Ob sich so das Leben anfühlte?

Doch darauf konnte sie keine schlaue Antwort mehr geben.
Als der Bassist im Takt zur Seite trat, traf sie sein Fuß am Hals und die Flasche rollte von der Bühne, wo sie zersprang.

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