Karl geht raus

[Schreibkurs-Übung]

Wenn sie ihn nur von weitem mittags aus dem Haus treten sähe, würde er im sonnenbebrillten Großstadt-Getümmel der Mittagspausen-Hektiker nicht groß auffallen. Sie würde nicht wahrnehmen, wie er sich im blendenden Tageslicht die überforderten, grauen Augen reibt. Karls Augen haben dieses chamäleonartige Neutralgrau, das sich unbemerkt dem äußeren Umgebungslicht anpasst und seinen Träger scheinbar verschwinden lässt. Karls Haare sind dagegen noch viel zu braun. So ein helles, leicht irritierendes Fuchsbraun. Wenigstens die vereinzelten weiß-grauen Strähnen über den Ohren lassen ihn leise hoffen, dass er irgendwann völlig im bedeutungslos unsichtbaren Dasein verschwindet.
Da sie ihn aber immer erst sieht, wenn er wie aus dem Nichts in ihrem Blickfeld auftaucht, kriegt sie nichts davon mit, wie Karl sich täglich aus dem Haus quält. Nur wie er sich, ein Stück Normalität suchend, auf stets denselben Baumstumpf am Seeufer setzt und sein sorgfältig verschnürtes, braunes Päckchen auspackt. Elise muss jedes Mal erst zweimal blinzeln. Als hätte sie nicht seit Stunden auf die gleiche Stelle gestarrt. Und wieder hat er es geschafft, sich gekonnt unter ihrem bewussten Aufmerksamkeitsradar durchzuschleichen.

Ist ja auch nicht so als hätte sie sich ihre Umgebung hier freiwillig ausgesucht. Elise ist nur aus Versehen in Paris gelandet. Nur weil die trottelige Aushilfspraktikantin aus ihr Rückfahrtticket für eine Woche zu spät gebucht hat.
„Sorry, das war halt so ein super Sparpreis“, hatten sie ihr in der Agentur gesagt. Und dass es „weil Sommerloch“ doch gerade eh nichts für sie vor Ort zu tun gäbe. Da könne sie sich doch einfach mal über eine Woche unbezahlten extra Urlaub im Ausland freuen. Andere wären froh … und sich mal nicht so anstellen!
So sitzt sie jetzt halt jeden Tag an diesem Ententeich. Immerhin etwas Grün im unspektakulären Vorort an der großen Ringstraße, da wo die Mieten langsam billiger werden und man sie freundlicherweise in einer begehbaren Streichholzschachtel von airbnb-Butze notgestrandet hat.

Im unbarmherzigen Sonnenlicht schneidet Karl drüben mit der kurz metallisch aufblitzenden Klinge seines Opinel-Messers den Inhalt seines Packpapier-Pakets in zwei exakt gleich große Hälften. Die herunterfallenden Krümel zwischen den nackten Zehen in den braunen Ledersandalen verursachen Elise schon beim Zuschauen das ungute Gefühl sich aufrollender Zehennägeln.
Wenn sie nur wüsste, dass sie damit gleich zwei wunde Punkte bei Karl getroffen hätte (oder drei, wenn man Karls Kriegsfüßigkeit mit Gefühlen allgemein und Empathie im Besonderen dazurechnet). Also, erstens fehlt Karl seit der Sache mit dem dramatischen Not-OP am eingewachsenen Zehennagel dieser links Nagel komplett. Deshalb hasst er es auch, wenn ihn lästige 40 Grad im Schatten ihn zu sandalöser Zurschaustellung seiner verkrüppelten Barfüße zwingen. Zweitens sind Kuchenbrösel eh maximal im Freien erlaubt. Nicht auszudenken, wenn er zu Hause zu nachlässig beim allmorgendlichen Staubsaugen gewesen wäre und nachmittags noch Krümel unter den Fußsohlen gefunden hätte! Sowas kann er echt nur hier machen.
Direkt unter dem Schild mit der Abbildung von durchgestrichenem Brotlaib an hungriger Ente, wirft er die fein verbröselte Hälfte seines Kuchens ins tümpelige Wasser. Mit starrem Blick auf das zu erwartende Entengerangel blickend, verspeist er schweigend sein eigenes Stück. Ganz allein, so wie er es am liebsten hat.

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