Karl

[Schreibkurs-Übung]

Ich frage mich wirklich, wozu ich hier noch gut bin. Wenn Karl den Kontakt mit Menschen doch so sehr hasst – warum läd er mich dann immernoch jede Nacht auf? Ist das auch eines seiner absurden Kontroll-Dinger? Bin ich etwa nur Mittel zum Zweck? Test-Werkzeug in einem seiner skurrilen Sozialstudien? Vorgeschobene Normalität? Hah! Das wird’s sein! Der will sich doch nur die hypothetische Möglichkeit offen halten, potentielle Anrufer dafür verantwortlich machen zu können, dass er sie für deren unverlangtes Eindringen in seinen Mikrokosmos weiterhin verachten darf. Ich bin es echt langsam leid, hinter seiner verqueren Logik herzuräumen.
Dabei ist er doch sonst so hyper-ordentlich. Kein Stäubchen zu viel, kein Stehrumchen weit und breit im überschaubaren 2-Zimmer-Apartment. Dafür hat Karl schließlich seine Regeln. Und die nicht zu knapp. Ich kann sie von hier aus sehen. Diese schleimgelben Post-its überall an den Wänden. Als würde er sich jemals an seine eigenen Listen nicht mehr erinnern können!
Die Kommunikationsregeln kenne ich am besten. Immerhin darf ich mich einen signifikanten Teil davon schimpfen. Telefone bleiben protokollgemäß generell besetzt. Sobald er morgens die rituelle Kaffeezubereitung gestartet hat (die Maschine dazu steht selbstverständlich jederzeit druckknopffertig geladen bereit), rufe ich ihn dienstbeflissen wie ich bin auf dem Festnetz-Gerät an. Wir beiden Telekommunikationsapparate liegen dann den Rest des Tages weitestgehend friedlich blinkend nebeneinander auf der Fensterbank. Natürlich könnten wir uns gegenseitig was erzählen, oder die Topfpflanze nebenan nach deren Befindlichkeit fragen. Aber Karl hat gesagt, für Gefühligkeiten haben wir in diesem Haushalt keine Zeit, und da müssen sich gefälligst alle dran halten, wenn das hier mit dem Zusammenleben klappen soll. Außerdem ist es für die Topfpflanze eh nur noch eine Frage der Zeit … Wäre also voll ineffektiv, sich auch noch mit der abzugeben. Oder gar eine Beziehung aufzubauen, geht ja gar nicht!
Eigentlich könnte ich mit meinem auf lauschig auditivem Beobachterposten dahinplätschernden Leben sogar einigermaßen zufrieden sein. Wenn da nicht die Mittwoche wären. Mittwochs geht Karl nämlich immer – und da gilt keine noch so kreative Ausrede, wirklich keine! – ins Gym. Wer mir weiter oben noch hat folgen können, wird sich nicht sonderlich wundern, dass sie ihn dort „Käuzchen“ nennen. Natürlich nur hinter seinem Rücken, aber ich krieg den dämlichen Gossip der Möchtegern-Checker in der Umkleide ja filterlos mit. Nicht mal zu einem ordentlichen komischen Kauz hat er es geschafft! Und dafür lässt er mich dann für volle 96 Minuten dort in seinen miefigen Birkenstock’s stecken. Die ollen Krankenpfleger-Modelle, vorne vollledern geschlossen und extra geruchskonservierend. Aber klar, durch reguläre Sandalen-Riemchen würde man mich ja sehen und bestenfalls noch entführen können. Dagegen sorgt schon das jederzeit schweißfeuchte Sockenknäuel hinter mir.
Trotzdem kriege ich gnadenlos alles mit, was in der Kampfsport-Butze so abgeht. Wäre Karl wirklich schlau, und als echter Sozialphobiker an beweisführenden Feldstudien zum Thema Selbstüberschätzung und sprachlicher Beschränktheit seiner Martial-Arts-Kollegen interessiert, bräuchte er nur mal meine Sprachaufnahme-Funktion auszuchechen.
Ich versuche ja schon immer ungefragt, die neuesten Software-Updates zur Verfügung zu stellen. Aber mich fragt ja keiner.

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