nüchtern träumen #1

Vielleicht sollte ich aus diesen Träumen der vergangenen 2,5 Jahre mal eine Serie machen … Hat jemand Bock auf eine (zugegebenermaßen eher albtraumhafte) Kurzgeschichten-Sammlung? <kontemplative Selbstgespräche Ende />

Es begab sich des Nachts vom 5. auf 6. Februar 2021:

Szene 1:
Ich bin zurück im Haus meiner Eltern, worauf ich bereits hier erklärend eingreifen muss, dass ich nur der Einfachheit halber den Begriff „meine Eltern“ verwende – eigentlich handelt es sich um das Haus meiner Stiefmutter, in dem ich nach dem Tod meiner Mutter bei meinem Vater und dessen neuer Familie aufgewachsen bin. Wie auch immer, war es das Haus, wo die ganze Trinkerei (und auch die Essstörung, aber das führte an der Stelle wohl zu weit) angefangen hat.

Für meinen ganz offensichtlich erwarteten Aufenthalt ist alles bereits bis ins kleinste Detail vorbereitet, so richtig Hotel-Standard; was schon komplett absurd, weil absolut untypisch für meine Stiefmutter ist. Normal(er) wäre gewesen, mein altes Jugendzimmer mit nem Besen darin vorzufinden und mir die Bettwäsche selbst aus dem Keller (an Papas Weinregal vorbei) organisieren zu müssen. Also bin ich schon ausreichend misstrauisch ob des ordentlich gemachten Betts und dem Geruch nach Sauberkeit überall. Alles scheint perfekt.
Und sofort beginnt es in meinem Kopf an zu klingeln: „Meinen die das wirklich ernst damit, dass ich mich hier zu Hause fühlen soll? Das muss doch mal wieder zu schön um wahr zu sein!“

Ich komme also mit meinem ganzen Gepäck dort an (dem buchstäblichen so wie dem metaphorischen), checke ein als wäre es wirklich ein Hotel und nehme mir fünf Minuten heraus, um mich „frisch machen“ zu wollen. Auch verdächtig: gefühlt keiner in dieser Familie weiß um die Geheimnisse funktionaler Auszeiten, geschweige denn würde Rückzug als Entschuldigung akzeptieren. Aber gut …
Ich will schon fast kurz aufatmen, da sehe ich diese Flasche mit Rotwein auf dem Nachttisch stehen, mir fast schon entgegen blinkend und um Aufmerksamkeit heischend. Jemand hat sie bereits voll-fürsorglich für mich geöffnet und sogar ein blank poliertes Glas von dem nur-für-besondere-Anlässe-Geschirr daneben gestellt. Alles bereit zum „Genießen“.

Das macht das ganze Szenario noch absurder, denn meine Eltern sind (bis heute, 6.2.2021) zwei der wenigen Menschen, die von meinem Strugglen mit dem Alkohol – und noch viel wichtiger! – von meiner endlich erfolgreichen Nüchternheit wissen! (Stand zu besagtem Februar-Tag: 936 Tage)
Also, entweder hab ich wirklich mal wieder übertrieben, das tägliche Saufen ist keine große Sache, macht ja eh jeder hier und hab ich mir vielleicht sogar irgendwie „verdient“ (was keinen wirklichen Sinn macht, denn sonst ist mein Kopf ja der Meinung, ich würde gar nichts verdienen) … oder sie wollen mich und meine Nüchternheit testen. à la „Meint sie das wirklich ernst? Können wir uns wirklich auf sie verlassen? Das wollen wir doch mal sehen! Hier bitteschön, die nächste Chance zu verkacken und zu beweisen, dass sie doch der Versager der Familie ist.“

Szene 2:
Bevor ich weiter drüber nachdenken kann, ist der Traum schon zum nächsten Tag gesprungen. Die mysteriöse Weinflasche ist halb leer. Ich kann mich nicht erinnern, sie ausgetrunken zu haben, aber das wäre früher auch schon nichts Besonderes gewesen. Wie viele leere Flaschen habe ich schließlich in meinem Leben schon morgens früh vor meinem Bett oder sonstwo malerisch in der Wohnung verteilt gefunden, ohne den blassesten Schimmer, wann ich die noch geleert haben muss. Das Komische ist nur, dass ich niemals wirklich Rotwein getrunken habe – viel zu schwer, davon kann man nicht einfach so mal nen halben Liter auf ex runtergluckern. Vielleicht ist das also die Rache meines Vaters, dafür dass ich die von ihm extra aus dem Jahr meiner Geburt aufgesparten Rotwein nicht ausreichend gewürdigt, sondern unbemerkt ausgekippt habe. Das war noch so ein für-einen-besonderen-Anlass-Ding, Geschenk zur Hochzeit und alles – und ich, undankbare Tochter, die ich bin, hatte ihm im Abfluss verschwinden zugesehen, während der besondere Anlass meine 100-tägige Nüchternheit war. Aber woher hätte Papa davon wissen sollen?

Wie auch immer, im Traum sind wir auf einem Familienausflug irgendwo, alles ist laut und voller Kindergeschrei, wie früher immer. Meine beiden Halbschwestern sind auch wieder als Kleinkinder unterwegs, während ich tatsächlich in meinem aktuellen Alter (35) dabei bin. Alles ist genauso anstrengend, überfordernd, auf mich einstürmend, zu laut und einsam inmitten von Menschen wie zu meinen lebhaftesten Erinnerungen an die Stimmung in diesem Elternhaus-Konstrukt.
Plötzlich erinnere ich mich an die noch halb volle Weinflasche, da in „meinem“ Zimmer. Und mein gruselig impulsiver, nächster Gedanke ist nur: „Okay, Hilfe naht. Das ist die Lösung. Ich gehe einfach trinken und wie immer wird keiner überhaupt merken, geschweige denn sich kümmern, wenn ich einfach weg bin. Das Problem ist nur: Wo kriege ich jetzt noch mehr her? Mit dem halben Liter anzufangen lohnt sich doch überhaupt nicht. Ich brauche mehr!“

Szene 3:
Ich bin zurück in meinem alten Zimmer im Dachgeschoss, hab’s irgendwie geschafft, dem Familientrubel da unten zu entkommen. Gerade denke ich noch (schon wieder & fälschlicherweise), ich könnte kurz erleichtert durchatmen und endlich diesen Wein austrinken – schließlich „verdiene“ ich doch endlich mal eine „Belohnung“, richtig? – da geht die Tür auf und meine kleinste Stiefschwester, ein- oder maximal zweijährig, kommt rein und unterbricht mich. Ich bin innerlich komplett angepisst, kann aber nicht zwei Sachen gleichzeitig machen – trinken und mich um sie kümmern – also lasse ich mich ablenken.

Ich nehme sie auf den Arm und mit nach draußen für einen Spaziergang. Immerhin kommen wir so auch mal raus aus dem sonstigen Familienlärm da drinnen. Wir befinden uns jetzt auf einem eisig kalten, rutschigen Brücken-Gelände mit diversen Abzweigungen und Über- bzw. Unterführungen. Ich versuche uns irgendwie heile da durch zu schlittern, bis ich die zugeschlossenen, kleinen Metallgatter sehe, mit den Stop-Schilder davor, auf denen was steht von „Ab hier nur Durchgang für Patienten“. Dahinter gehen die Brücken-Gitter-Dinger weiter zu so kleinen Apartment-/Bungalow-Häusern mit direktem Zugang zum Strand. (Das hat natürlich auch schon nichts mehr mit der Realität zu tun, besagtes Elternhaus liegt in Bayern. Aber in Träumen geht sowas ja 🙂
Ich finde die Vorstellung, alleine in einem der süßen Strandhäuser zu wohnen durchaus attraktiv; auch dann noch, als mir bewusst wird, dass es sich hier wohl um eine mehr oder weniger geschlossene (psychiatrische) Klinik handeln muss. Zumindest sieht es da unten ganz ruhig und friedlich aus.
Dann allerdings sehe ich eine Reihe von wirklich abgefrackten Alkoholiker-Gestalten, so richtig die Stereotypen von der Parkbank oder unter der Brücke hausend, wie sie von irgendwelchem Personal in die Häuser gebracht werden, sich heftigst wehrend. Da denke ich noch „Na gut, so schlimm ist es ja wirklich nicht mit mir …“ und komme mir schon wieder wie außen vor und nicht (wird zu nirgends) dazugehörend vor.

Als ich aufwache fällt mir auf, dass ich a) im echten Leben verdammt nüchtern bin, b) selbst im Traum den verfluchten Wein nicht getrunken habe, aber c) diese krassen Gefühle von Überforderung, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein so dermaßen tief verinnerlicht haben muss, dass mich selbst ein (zugegebenermaßen brutal realistischer, aber dennoch nur ein) Traum immer noch und immer wieder emotional total verstören können.

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