Peinture Murale

photo credits: Sanna Nyman / SNart by Sanna Nyman

Manchmal stehe ich wie sie dort mit weit ausgebreiteten Armen ganz oben auf der Treppe. Ein bisschen schwindelig von der Höhe, geblendet von der Sonne, aber dennoch offen für alles, was auf mich einstürmen wird, so wie immer.
Ich habe gelesen, dass es angeblich das weibliche Prinzip sein soll, zu empfangen – was ja auch evolutionstechnisch durchaus Sinn ergibt. Irgendetwas in mir weigert sich dennoch, dies als eine positive Wahrheit für mich anzunehmen. Meine Standard-Werkseinstellung ist offensichtlich Offenheit. Nur wenn ich zu offen bin, kann es sich für das Mädchen im blauen Kleid da auf der Treppe ja nur so anfühlen als würde die Welt ständig und immer nur etwas von ihr wollen.

Dabei ist sie doch eigentlich noch ein Kind. Vielleicht sollte sie lieber schnell und spielerisch die Treppe hinuntergehopst kommen, voller Leichtigkeit und vor allem, bevor der ältere Herr da mit seinem schweren Koffer sie gesehen oder erreicht hat. Oder noch besser! Sie könnte sich auch um 90 Grad rumdrehen und die weitere Treppe rechts nach oben hüpfen. Denn oben ist immer noch Platz. Weiß sie das denn nicht?

Ihr Name ist Madeleine (wir befinden uns schließlich in Paris) oder Magdalena, das bedeutet „die Erhabene“. Hat ihr das keiner gesagt?

Sie ist es so sehr gewohnt, mit offenen Armen alle zu empfangen, die diese Treppe hinaufgestiegen kommen und ihr etwas erzählen wollen. Dabei vergisst sie wenigstens ihren eigenen mühsamen Aufstieg, den sie mit ihren leicht zu kurzen Beinen jeden Tag wie selbstverständlich macht. Warum sie das nochmal tun sollte, hat sie längst vergessen.

Heute kommt Besuch. Sie kann ihn schon sehen, er hat die Hälfte der Treppenstufen bereits geschafft. Sie könnte noch wegrennen, stattdessen steht sie da und ist bereit. Mit offenen Armen, wie immer.
Sieht sie denn nicht, dass er schon wieder diesen schweren Koffer bei sich hat? Erinnert sie sich nicht, wie sie sich jedes Mal bei einer solchen Gelegenheit vergeblich wünscht, er würde ihr ein Geschenk mitbringen. Ein heimlicher Wunsch natürlich. Stattdessen ist es doch nur dieses Gepäck, dass die Erwachsenen unermüdlich mit sich herumschleppen.

Sie könnte noch weglaufen. Wenn wir genauer hinsehen, können wir sogar erkennen, dass es tatsächlich auf beiden Seiten ihres Treppenabsatzes noch weiter hoch geht! Weiß sie das denn nicht?
Weiß sie nicht, dass die Treppe nur Fassade ist? Geniale Sinnestäuschung, Fiktion des 3-Dimensionalen. Weiß sie denn nicht, dass sie in ihrer eigenen Vorstellungskraft einfach davonfliegen könnte?
Während dort unten das paintierte Orchester das immer gleiche Lied vom schönen Schein des schwer zu tragenden Lebens fiedelt …

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