Seite 24, D3

[Schreibkurs-Übung]

Wenn ich ehrlich bin, wäre ich lieber nicht hier. Außerdem lautet das grammatikalisch korrekt „Wenn ich ehrlich WÄRE“. Vertrackte Englisch-Deutsch-Übersetzungen! Die machen halt doch nicht alle Sinn.
Ob ich schon die Geschichte kenne, wie R. damals mit seinem besten Freund beim Rodeln …? Welches der gefühlten 187 Male gleich monotoner Erzählkunst meint der stolze Papi jetzt genau?
„Nein danke!“, komme ich im benachbarten Parallelgespräch mit R.s Mutter gerade noch rechtzeitig zu Wort. Ich kann wirklich keinen Käse mehr sehen. Das sage ich natürlich nicht.
Sagenhaft stattdessen die Aussicht von besagtem Rodelberg, auf den angekrabbelten Fotos im Album von 1988. Man muss wissen, R. ist mein Verlobter und war damals gerade erst vier; wie ich soeben ungefragt informiert werde. Nur vier JAHRE ALT?! For fucking vollständige Sätze‘s sake!
Ich klugscheißerischer Fuchs, ich. Ach ne, ich FüchsIN.
Bei der Steilvorlage kann ich mir den Abstecher in meine sprachanalytische Simultan-Gedankenwelt nicht mehr länger verkneifen. Sorry, war kurz abgelenkt vom vergangenen wilden Wald-Wild, das der Schwiegervater in spe da heldenhaft vor seine Kameralinse gekriegt hat.
„Damals hatten wir ja auch noch nicht dieses ganze moderne, technische Zeugs. Weißt du?“ Aber hallo weiß ich! Das besagte Damals ist ja heute schwerlichst zu übersehen. Und wenn ich mich mit ein was auskenne, dann mit unterschwelligen Vorbehalten gegenüber meiner technikaffinen Weiblichkeit.
Nun aber, kühner Reiseberichterstatter in deiner 30-jährigen Erinnerungswolke. Ich würde langsam doch lieber allein und im Bett sein. Wenn ich ganz ehrlich wäre, versteht sich.
Denn sagenumwobene Familienanekdoten waren noch nie ein zuverlässiger Teil meines Toleranz-Portfolios. Dabei habe ich bisher nicht mal mit erschwerten Bedingungen und potentiellen Schwiegereltern gerechnet. Einmal ist wohl immer das erste Mal. So wie damals – schöne Überleitung! – bei R. und dem Sandkastenkumpel. Im Schnee mit dem Wildschwein-Ferkel (Frischlinge heißen die, verdammte Axt!), wo sie das Vieh vor den Schlitten zu spannen versucht hatten. Das mit dem Plusquamperfekt kann auch nur der Schwiegerpapi so temporär inkorrekt und über-vorzeitig sagen.
Zur Krönung träume ich später von Bergpanoramen, die sich behäbig in trächtige Wildschwein-Mutti-Leiber morphen. Schäfchen zählen kann ja jeder. Von Paarhufern getriggerte Alp- nein! ALBträume sind heute Nacht der heißeste Scheiß.
Als ich aufwache, schlägt mir aus dem Kühlschrank die geruchliche Rache des sträflich verschmähten Stinkekäses entgegen. Immerhin mal ein ordentliches Genitiv-s, aber Shit! Dass mir das schon wieder passiert ist …
Der Rucksack auf meinem Rücken ist voll mit allem, was mein schlafwandlerisches Ich aus R.s altem Kinderzimmer für den Schultag einer Fünftklässlerin für angemessen befunden hat. Nur das Pausenbrot hatte mir offensichtlich noch gefehlt. Man beachte vor allem den original „Diercke Weltatlas“ von 1995.
Wenn ich jetzt schon damit unterwegs bin, will ich doch mal sehen, wo dieser verfluchte Harzer Rodelberg liegt. Kann ich morgen bei der angedrohten, schwiegerlichen Diashow wenigstens mitreden. Seite 24, D3, kann ich dann immerhin sagen. Und wieder was gelernt.

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