Tjorwens Geschichte

[Schreibkurs-Projekt, oder: Versuch eines Romanbeginns]

Als Tjorwen an diesem harmlosen Freitag auf dem Weg von der Arbeit nach Hause war, ging nebenan gerade unbemerkt ihre Vergangenheit in Flammen auf. Na gut, es war Freitag der 13., das hätte Dich stutzig machen sollen. Aber solange keine schwarzen Katzen linksrum unter Leitern hindurch gingen, glaubte Tjorwen nicht aber. Außerdem wusste sie in besagtem Augenblick ja noch nichts von der unfreiwilligen Vergangenheitsinflammerie.
Natürlich ist klar, dass etwas so Unstoffliches wie Vergangenheit vom Physikalischen her unmöglich einfach so in Flammen aufgehen kann. Aber ein Satz wie “Als die unscheinbare Frau gerade von der Straße hinter der Windmühle in den Krähenweg abbog, fing der Altpapier-Container an der Ecke zu brennen an.” hätte Dich sicherlich nicht hinter dem ebenso sprichwörtlichen Ofen hervorgelockt, oder?
Da gucken wir uns besagte Frau doch lieber mal genauer an: Tjorwen Kruskamp war gerade 35 geworden, mittelgroß, mitteldick, außergewöhnlich blond. Sie machte sich so dermaßen gründlich nicht das Mindeste aus ihrem Äußeren, so dass auch wir uns damit nicht weiter beschäftigen müssen.
Oder doch, warte kurz! Sie hatte immer und auf jeden Fall eines ihrer unzähligen Stirnbänder auf. Um nicht aufzufallen, besaß sie davon grob geschätzte 27 Stück in allen Farben außer rot. Rot konnte sie nämlich nicht ausstehen. Die anderen aber halfen ihr, ihre anstrengenden Gedanken beisammen zu halten. So erklärte sie es zumindest, wenn sie das Gefühl bekam, sich rechtfertigen zu müssen. Und das kam ehrlich gesagt relativ häufig vor, das mit dem Rechtfertigen.
Wenigstens konnte sie sich freitags abends einigermaßen sicher sein, nicht auch noch irgendeinen ihrer wenigen Nachbarn auf der Straße zu treffen. Da war sie mit ihrer latenten sozialen Phobie zumindest mal klar im Vorteil, während sie sonst am Ende noch “nett” an irgendeinem geselligen Beisammensein hätte teilnehmen müssen. Dabei weiß doch jeder, dass Nett nur die kleine Schwester von Scheiße ist.
So war Tjorwen auch heute die gefühlte einzige im Viertel, was sie aus irgendeinem Beschützerinstinkt vor dem rauchenden Haufen Altpapier stoppen ließ, während ihre selektive Wahrnehmung bereits bei der unausweichlichen Gleichtönigkeit ihrer Feierabende eingerastet gewesen war.

Wenn Du Dich an dieser Stelle hättest in Tjorwens Gedanken hineinversetzen können, vielleicht unbemerkt unter dem heute besonders strahlend blauen Stirnband hindurch hättest eindringen können … Na klar wärst Du dann erst mal verwirrt gewesen von all all den Haut- und Knochenschichten, darmartigen Windungen und sonstig hirninternem Inventar. Vielleicht hättest Du Dich dunkel an den Biologieunterricht 8. Klasse erinnert und an irgendwas mit weißen und grauen Substanzen. Aber wenn Du Dich trotz der überwältigenden Masse an wild wuchernden Erinnerungen und zusammenhanglosen Überzeugungen noch weiter vorzudringen getraut hättest … Am Ende sogar bis zu der abgelegenen Ecke mit den Emotionen? Dann – und nur hypothetisch natürlich! – hättest Du es dort irgendwann dunkelrot pulsieren sehen müssen. Rot ist doch die Farbe für Wut, oder nicht? Kein Wunder, dass Tjorwen die nicht mal ansehen, geschweige denn ausstehen konnte. Dafür hättest erst Du und vor allem als jemand von extern kommen müssen. Sie selbst wusste ja nicht mal, dass es da pulsierende Dinge in ihr gab. Geschweige denn, was sie damit hätte anfangen sollen. Dafür hatte sie davor viel zu viel Angst.
Tjorwens Bewusstsein war deshalb jede Ablenkung nur recht und hatte bereits etwas Neues entdeckt. War da nicht irgendetwas Hellblaues da vorne? Hatte sie es doch mal wieder geahnt, dass das Haarband schon noch farblich passen würde, als sie es heute früh aus der Schublade gezogen hatte. Am Boden machte Blau jedenfalls mal so garkeinen Sinn; nicht in all dem hellgelb, orange-rot bis bräunlich angegammelten Herbstlaub. Es war auch viel zu glatt und irgendwie kantig, um irgendwas Naturgegebenes zu sein …

Von außen betrachtet hättest Du besagt unauffällige Frau sich nun scheinbar grundlos Richtung Boden bücken sehen. Vielleicht hättest Du Dich noch gefragt, was sie da tut und vorallem warum. Würdest Du nicht eher weglaufen wollen, wenn hier gerade ganz klar was passiert war, auch wenn die Feuerwehr die letzten schwelenden Häufchen von zu unfreiwilligem Pappmaché mutierten Altpapiers einigermaßen im Griff zu haben schien? Vor allem aber, wenn Du wie Tjorwen schon allein aus Prinzip darauf bedacht wärst, potentielle Interaktion mit anderen, sozialeren Wesen geflissentlichst zu vermeiden?
Nun, am Ende ist Neugier halt auch nur ein Gefühl, noch dazu ein äußerst grundlegendes. Von Gefühlen an sich hatte Tjorwen zwar wenig Ahnung, was aber im Umkehrschluss nicht bedeutete, dass diese nicht genau wussten, wie sie mit ihr umzuspringen hatten. Während sich ihr Körper nach dem Boden ausrichtete, um das ungeduldig blau Glänzende dort zu erreichen, streckten sich die hyperaktiven Außenwahrnehmungsantennen wohlig in alle Richtungen aus. Bloß vor lauter Fokus nichts aus dem Blick verlieren.
Von innen erlebt, folgten all diese Prozesse einer wage logischen Reihenfolge, deren Einhaltung wie alles in Tjorwens Leben streng reglementiert war. In realer Zeitrechnung spielten sie sich dagegen innerhalb von nur wenigen Sekunden ab, von der immensen Anstrengung nichts zu merken. Auch das war wie alles andere in Tjorwens leben, leichter gesagt als getan.
Mit links griff sie also auch ins Herbstlaub und hielt zu ihrer Überraschung ein einigermaßen dickes Buch in der Hand. Während ihr Körper noch mit Wiederaufrichtung beschäftigt war, hatte ihr Gehirn bereits zwei Bewertungen abgesondert: 1. ??? … 2. ??? …
Ob Tjorwens Kopf ob des auf dem Buchtitel abgebildeten Kalbs von einem Bernhardiner einen Kurzschluss zu ihrer tatsächlichen Angst vor allem Hundeähnlichen produziert hatte, werden wir wohl nie erfahren. Keine Zeit für derartige Spekulationen, wenn wir ihr auf ihrer plötzlich panischen Flucht hinter die nächste Hausecke folgen wollten. So hatte sie es als Kind schon immer gemacht, frei nach dem Motto: Wenn ich meinen Feind nicht mehr sehen kann, sieht der mich auch nicht. Wahrscheinlich war es ihre Mutter gewesen, die ihr die Illusion von der unsichtbar machenden Effizienz impulsiven Augenzuhaltens irgendwann genommen haben musste. Schönen Dank auch! War das etwa der Dank dafür, dass Tjorwen auch noch den Rest der mütterlich ererbten Phobien mit sich herumschleppen musste? Vielleicht war es aber auch nur endlich mal an der Zeit, sich unbewussten Katastrophen-Reflexen endlich mal zu stellen. Immerhin hatte sie das Buch mit dem „gefährlichen“ Hundetier auf dem Cover nicht auch noch fallen lassen, sondern hielt es im Gegenteil krampfhaft umklammert. Dabei sah das blond-bezopfte Mädchen darauf doch echt nett aus! Vor allem auch sowas von ungefährlich, und wenn wir ehrlich sind, unserer Tjorwen sogar verdammt ähnlich!
Wenn Du vor drei Jahren auf den Hamburger Elbinseln eine Wohnung gesucht hättest, wärst Du Tjorwen bestimmt in einer der unendlich scheinenden Schlangen von potentiellen Interessenten begegnet, die sich selbst vor den brackigsten Wohnlöchern noch munter durch heruntergekommene Treppenhäuser schlängelten. Tjorwen hatte damals Glück gehabt, die dunkle 1-Zimmer- Souterrain-Butze mit Blick auf den verlodderten Grashügel des Nachbargrundstücks zu besichtigen, hättest Du Dir vielleicht auch geschenkt. Erst recht, wenn Du den penetranten Geruch nach Alter und jemand Fremden Oma wahrgenommen hättest, die kürzlich darin verstorben war. Doch Tjorwen war (und ist!) schon immer ein Ausnahmetalent in abstrakter Imagination gewesen, und hatte sich nicht erst lange von den geplanten Renovierungsarbeiten überzeugen lassen müssen. Im Gegenteil: Sie hatte echt Bock, sich handwerklich mal wieder so richtig zu verausgaben, was am Ende sogar den Vermieter überzeugt hatte, über die offensichtliche Lücke in Tjorwens Einkommenslage hinweg zu sehen.

Wenn Tjorwen es sich aussuchen dürfte, würde sie den lieben langen Tag nur in ihrer grünen Höhle verbringen. Doch wer kann das schon? Du?
Wer hat außerdem gesagt, dass die Tage lieb sind? Vor allem, wenn sie lang sind? Tjorwen zumindest hatte das noch nie verstanden. Genauso wenig, warum der blöde Postjunge immer wieder die ollen Kostenloszeitungen ausgerechnet in ihrem Treppenhaus-Abschnitt entsorgen musste! Man wusste doch, wozu das führen konnte. Hatten wir es nicht eben erst mit einem (zugegebenermaßen, mehr oder weniger) tragischen Altpapier- Unfall zu tun gehabt? Aber für Tjorwen war eigentlich jeder Grad von Drama, Tragödie und die damit einhergehende Aufregung schon mindestens eins zu viel. Das war ja auch noch zu der Zeit, als sie noch nicht wissen konnte, dass Aufregung zwar doch durchaus furchteinflößend sein konnte, aber halt auch was von Freiheit und Abenteuer an sich hatte.
Apropos Abenteuer! Das Buch in ihrer Hand: Ferien auf Saltkrokan. „Pelle, seine große Schwester Malin und seine beiden Brüder entdecken auf der kleinen Insel die unberührte Natur der schwedischen Schären. Sie baden im Meer, fangen Fische, sammeln Pfifferlinge und feiern Mittsommer. Nichts aber ist schöner für Pelle, als gemeinsam mit Tjorven, dem Inselmädchen, und ihrem großen Bernhardinerhund Bootsmann über die Felsen und durch den Wald zu streifen und dabei von einem Abenteuer ins nächste zu stolpern …“, stand da auf dem Klappentext.
Fuck. Pelle kannte sie ihres Wissens nach nur von der längst vom allgemeinen Vegetarismus verdrängten Wursthaut ihrer Kindheit, aber woher kannte sie den Namen Malin? Und der Und dass Tjorven mit „v“ in der Mitte geschrieben stand, konnte doch nur ein Druckfehler sein, oder?
In einer Hand die ungewohnte Unhandlichkeit eines echten Buches (sie hatte sonst immer schön minimalistisch alles auf ihrem kindle gespeichert), mit dem gegenläufigen Bein sich den Weg durch die Wegwerf-News der Welt da draußen bahnend, gelang es Tjorwen doch noch zu einigermaßen normaler Zeit ihre Wohnungstür aufzuschließen. Es war nämlich wichtig, dass die Uhr in der Küche nicht etwa schon nach sieben anzeigte; sonst wäre mal wieder der komplette Abend im Arsch gewesen. Papa mochte es schließlich nicht, wenn man zu spät (=nach ihm) nach Hause kam, da konnte er echt grummelig werden. Das war schon immer so gewesen und nur weil Tjorwen nun schon seit fast zwei Jahrzehnten alleine lebte, hatte sich daran auch nichts geändert. Zur Erinnerung hatte sie sich Papas Uhr damals als eines der wenigen Erbstücke von ihren Schwestern erbeten. Marie und Anna hatten allerdings eh kaum Interesse gezeigt bei der gesamten Hausauflösungsgeschichte … als wäre es nicht auch ihr Elternhaus gewesen, das da mit wer weiß wie vielen Erinnerungen im pietätslosen Container der Entrümpelungsfirma verschwand. Vielleicht machte sich Tjorwen aber auch schon wieder zu viele Gedanken …

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