Wenn ich einst meine Memoiren schreibe …

Da steht dann sowas locker-flockig wie: In der gleichen Woche, in der ich mein erstes Buch erst-entwurfsmäßig vollendet hatte, produzierte mein autobiografisch strapaziertes Hirn eine Panikattacke, die sich gewaschen hatte. Gerade wollte ich noch nach Belle’s metaphorischen Zitronen greifen, als mein Körper zuckend zu Boden ging.

Dabei war ich nur wirklich im Supermarkt – zum Großeinkauf, den ich einmal die Woche auch für meinen hart arbeitenden Mann übernommen hatte. Ach, das hatte ich noch gar nicht erwähnt? Es war 2020, das Jahr der globalen Pandemie, covid-19 und so. Also Zitronen kaufen. Denn einmal wöchentlich „durfte“ ich mich schließlich mit meiner Freundin Sanna treffen und wir feierten unsere Lockdown-Komplizenschaft mit einem stets wechselnden Backprojekt. Der jeweilige Horst äh… die Hostin der Woche war für die rezeptgemäße Beschaffung der Zutaten verantwortlich. Das war auch schon alles an zusätzlichem Stress!

Ich also im Supermarkt, will nur grad nach den verheißungsvollen Zitronen greifen, sehe bereits den Möhrchenkuchen in nächster Zukunft – bis ich gar nichts mehr sehe. Mein Blick wird unscharf, ich kann nichts mehr fokusieren. Vielleicht liegt’s an dem scheiß Mundschutz? Ich hab das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen – und wache ca. eine Stunde später in der Notaufnahme im nächsten Stadtteil wieder auf. Das war die Premiere von das.

Unterwegs im Rettungswagen muss ich noch aus meinem Einkaufsrucksack das Portemonnaie mit der Krankenkassen-Versichertenkarte gefischt und den Sanitätern den Namen meiner Psychiaterin, meine Medikamentation und eine Falschaussage zu einem nie stattgefundenen EKG gegeben haben … davon weiß ich allerdings komplett nichts mehr. Genauso wenig wie von dem Krampfanfall, von dem die Mitarbeiterin im Supermarkt „immer noch eine Gänsehaut kriegt“, als mein Mann schließlich abends mein Rad und die noch am halb vollen Einkaufswagen baumelnde Tasche abholt. Aber auch genauso wenig (oder viel) wie ich aus den unzähligen Blackouts der Vergangenheit noch erinnere. Genauso wie ich so oft nicht mehr wusste, wie ich volltrunken in meinem Bett gelandet und in die vollgepinkelte Hose geraten bin (*urks* mal kucken, wie lange ich mich diesen Satz hier noch stehen zu lassen traue).

Mein Körper hat mir einen formvollendeten Rückfall vorgespielt, in Echtzeit und von einer im Nachhinein betrachtet fast schon komisch-kreativen Präzision. Mein Krampfanfall muss dem eines Alkoholikers mit Entzugserscheinungen täuschend ähnlich gewesen sein, zumindest hat mich sämtliches medizinisches Personal erstmal verdächtigt, ich hätte weiß Gott was getrunken. Der Verdacht ist generell nicht unbegründet, muss ich zugeben. Allerdings war ich zu besagtem Zeitpunkt stolze Nüchternheitsabsolventin und ziemlich genau sechs Wochen von meinem 2. trockenen Jahrestag entfernt. Verdammte Axt!

Trotzdem, da war es. Das Ding, vor dem ich die ganze Zeit (mehr oder weniger unbewusst) Panik geschoben hatte. Ich hatte es nie wirklich benennen können, jetzt hatte ich es plötzlich hinter mir. In der Hoffnung auf ein für alle Mal. Thema abgehakt, weiter geht’s mit dem Leben. Außer dass Leben offensichtlich nicht so stringent funktioniert. In den folgenden Wochen – ziemlich exakt genau bis zu besagtem Jahrestag, wenn man es mal in all seiner situationskomischen Präzision betrachtet – sickert mir die Fake-Rückfall- / Panikattacken-Theorie erst so langsam ins Bewusstsein und wird endlich überzeugend genug, um die verängstigten LogicLoops zu durchdringen. In derselben Zeit, die die Ärzte noch versuchen, nach so schönen Diagnosen wie Epilepsie, Hirntumoren, Schlaganfall und Herzinfarkt zu fahnden.

Die reine Tatsache, dass ich nie wirklich auf die online Recherche-Barrikaden angesichts dieser medizinischen Reizwörter gegangen bin, sagt vielleicht schon alles. Mein Unterbewusstsein wusste bereits, was „es“ war. Es hatte das Ding schließlich eigenmächtig kreiert! Ich hatte nur geschlagene, depressiv-gehirnerschütterte, eineinhalb Monate gebraucht, bevor die Information in all seiner metaphorischen Logik auch im hart aufgekommenen Kopf angekommen war.

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